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Früher Spargelgenuss und seine Folgen: BUND macht auf die negativen Effekte des Gemüse- und Obstanbaus unter Folie aufmerksam

06. April 2021 | Nachhaltigkeit, Landwirtschaft, Naturschutz, Chemie

Spargel, Erdbeeren und Co. möchten wir heute schon im März auf unseren Tellern haben. Landwirte setzen deshalb auch bei uns immer stärker auf den Einsatz von Kunststofffolien, um mit ausländischen Produkten zeitlich konkurrieren zu können. Dabei erhöht die Folie die durchschnittliche Bodentemperatur, fördert das Pflanzenwachstum, der Pestizid- und Wassereinsatz wird verringert. So zumindest die kurzfristigen Erfolgsaussichten. „Dennoch geht mit diesem Ansatz eine Reihe negativer Effekte auf die Umwelt einher, welche auf lange Sicht den Boden – und schließlich seine Produktivität – in hohem Maße beeinträchtigen“ warnt Uwe Heidenreich, hiesiger Umwelt- und Naturschutzexperte des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.). Dabei gibt es traditionell Ansätze ohne Folie und der bewusste saisonale und folienfreie Genuss wird heute wiederentdeckt und wertgeschätzt.

 (Foto: Uwe Heidenreich / BUND)

Plastic – it’s fantastic?

Die Folienabdeckung beeinträchtigt den Boden ganz direkt in seiner Funktion als Lebensraum. So finden Insekten und Feldvögel auf den mit Plastik versiegelten Flächen keine Nahrung, Amphibien und Kleinsäuger können unter der Folie ersticken. Kleinere Plastikteile werden von Tieren auch verschluckt und führen dann oft zum Tod. „Neben diesen augenscheinlichen Konsequenzen sind es vor allem die weniger sichtbaren Wirkungsketten und die Langzeitfolgen, auf die wir aufmerksam machen möchten“, so Dr. Bianca Räpple, Geschäftsführerin des BUND Rhein-Neckar-Odenwald. „Auch wenn die Folien am Ende der Saison vom Feld geräumt werden, bleibt durch Verwitterungsprozesse Mikro- (< 5 mm) und Nanoplastik (< 1 μm) zurück. Diese für den Menschen kaum oder nicht sichtbaren Kunststoffteile reichern sich im Boden an, werden von Pflanzen und Tieren aufgenommen und gelangen so in den Nahrungskreislauf und zurück zu uns Menschen. Je nach Kunststoffart ist auch ein Eintrag ins Grundwasser möglich“. Das Plastik zersetzt sich dabei in immer kleinere Fragmente, wird überwiegend nur über sehr lange Zeiträume abgebaut und ist in der Realität kaum wieder zurückzuholen. Ab welcher Konzentration Kunststoffteile für den Menschen schädlich sind, ist bisher kaum erforscht. Die unzähligen chemischen Zusatzstoffe in Kunststoffen, wie zum Beispiel Weich- oder Hartmacher, stehen jedoch bereits seit Jahren in der Kritik. Umweltmediziner warnen vor den Folgen.

Bioplastik als Lösung?

Sogenannte “Mulch-Folien” sollen eine Alternative zu herkömmlichen Folien sein. Sie können aus organischem Material (Biomasse) hergestellt werden und sind nach verschiedenen Normen als “kompostierbarer Kunststoff” oder “biologisch abbaubar im Boden” zertifiziert. In der Praxis werden die Folien jedoch nicht wie erwartet abgebaut, da die natürlichen Umweltbedingungen nicht denen im Labor entsprechen. Zum Beispiel sind die Temperaturbedingungen im Labor fast doppelt so hoch wie die durchschnittliche Bodentemperatur in Deutschland im Freiland. „Hier wird eine biologische Abbaubarkeit suggeriert, die unter den realen Nutzungsbedingungen nicht gegeben ist” kritisiert Pascal Schindler, der sich beim BUND mit dem Thema Plastik beschäftigt. “Trockene Verhältnisse, wie wir sie in den letzten Sommern erlebt haben, reduzieren zudem den biologischen Abbau der Folien” gibt Schindler zu bedenken.

Auch hier in der Region wurde zertifiziert-biologisch-abbaubare Folie eingesetzt, welche nicht vollständig abgebaut wurde (die RNZ berichtete). Folienreste wurden unkontrolliert verweht, Naturschützer entdeckten diese u.a. in einem Naturschutzgebiet (RNZ, 28.04.2020). Die Unschädlichkeit des Materials nach einer Verwehung, etwa an der Bodenoberfläche oder im Wasser, wird allerdings im Rahmen der Zertifizierung gar nicht geprüft.

Laut Umweltbundesamt können Folienrest nur “in begrenztem Umfang toleriert werden”, sollten sie sich im gewünschten Zeitraum abbauen. Eine umweltverträgliche Lösung für das Problem der Kunststoffeinträge in die Umwelt sind kompostierbare und biologisch abbaubare Kunststoffe also nicht.

Treiber des Klimawandels

Die Herstellung von Kunststoffen ist verbunden mit einem sehr hohen Verbrauch an Energie und Rohstoffen wie Öl, Kohle, Erdgas oder eben Biomasse. Durch die Kompostierung "biologisch abbaubarer" Kunststoffe auf dem Feld geht die eingesetzte Energie weitgehend verloren – in Müllverbrennungsanlagen dagegen wird zumindest ein Teil der Energie zur Strom- und Wärmeproduktion genutzt. Zudem entstehen beim biologischen Abbau von Plastik in der Regel keine wertvollen Bodenbestandteile, sondern lediglich CO2 und Wasser. “Biologisch abbaubares Plastik auf dem Acker bringt also letztlich keinen Nutzen” kommentiert Schindler. “Mit Blick auf die Endlichkeit der eingesetzten Ressourcen und den Energieverlust ist es sinnvoller, Plastikfolien wiederzuverwenden oder zu recyceln”. Letzteres ist bei Folien aus der Landwirtschaft allerdings schwierig, da sie nach der Nutzung stark verschmutzt sind. Eine Wiederverwendung "biologisch abbaubarer" Folien ist logischerweise ausgeschlossen, weshalb der möglichst lange Gebrauch nicht-biologisch-abbaubarer Folien vermutlich die aktuell nachhaltigste Foliennutzung ist. Die Langzeitfolgen bestehen aber weiterhin – wir vermüllen auf Dauer unsere Umwelt. Denn die Plastikproduktion steigt auch heute noch exponentiell. Folientunnel können darüber hinaus auch das lokale Klima beeinträchtigen.

Es geht auch anders, meint der BUND

Erste Betriebe setzen aus Umweltschutzgründen sowie des besseren Geschmacks wegen bereits wieder auf traditionelle Anbaumethoden, so unter anderem in der Gemeinde Schwetzingen oder auch in Graben-Neudorf bei Karlsruhe. Es gibt Biobetriebe die auf das Mulchen verzichten und mit organischem Material wie Holzschnitzel, Laub oder Grasschnitt arbeiten, um den Boden vor Hitze und Unkraut zu schützen. Mit der Zeit entsteht so außerdem Humus, der als natürlicher Dünger dient und auch noch CO2 speichert. Wer auf eine saisonale Ernährung setzt reduziert auf einfachem Weg die Notwendigkeit für den Einsatz von Plastik, was auch ökologisch sinnvoll ist.

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